Das Auto in Europas Hauptstädten – Ein Blick über den Tellerrand

Aktualisiert: 5. Apr.


Pariser Verkehr in der Abendsonne
Pariser Verkehr in der Abendsonne

Befürworter der A100 verweisen regelmäßig darauf, dass Berlin als Metropole eine Ringautobahn brauche. Das gehöre zum guten Ton einer modernen Großstadt. Wir haben uns die Hauptstädte unserer Nachbarländer verkehrspolitisch mal ein bisschen genauer angeschaut.


Paris

Die französische Hauptstadt ist wohl eine der Städte, in der momentan am rigorosesten gegen den Individual-Autoverkehr vorgegangen wird – Ringautobahn hin oder her. Die sozialdemokratische Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo wurde bei der Wahl im Jahr 2020 explizit für ihren autokritischen Kurs wiedergewählt (erste Wahl 2014). Und sie lässt Taten folgen. Ab Ende 2022 dürfen keine Autos mehr in die Innenstadt fahren. Die Anbindung der Außenbezirke? Erfolgt durch den Öffentlichen Verkehr. Momentan werden in Paris knapp 200 km neue Bahnstrecken gebaut, die die Menschen einfach, klimafreundlich und ohne Stau ins Stadtzentrum bringen.


London

In ganz England trat – medial relativ unbemerkt – eine neue Verkehrsordnung in Kraft, die die schwächsten Verkehrsteilnehmenden am stärksten schützt. So dürfen Radfahrende in Zukunft zum Beispiel in der Mitte der Fahrbahn und auch nebeneinander fahren. Dadurch sollen vor allem tödliche Abbiegeunfälle vermieden werden. Das passt auch vorzüglich nach London. Mit einer hohen Citymaut werden die Autos aus dem Herzen Londons herausgehalten. Schon der Ex-Oberbürgermeister Boris Johnson ließ sich am liebsten auf dem Weg zur Arbeit auf dem Rad fotografieren. Er trieb auch maßgeblich die Rad-Schnellwege voran. Die sind in London das Mittel der Wahl, um mehr Menschen aus den Autos herauszubekommen – neben einem äußerst dichten Takt im ÖPNV.


Amsterdam

Amsterdam hat nicht viel Platz. Autos wiederum stehen die meiste Zeit ungenutzt herum und beanspruchen in modernen Städten die meiste Verkehrsfläche. So kann es nicht bleiben beschloss man in der Stadt und ist daher gerade mitten in einem Prozess, der 10.000 Parkplätze wieder den Menschen zur Verfügung stellt. Eine der Clous: Anwohnerparkausweise werden nicht mehr ausgestellt, sollten die bisherigen Inhaber:innen zum Beispiel weggezogen oder verstorben sein. Damit folgt Amsterdam einer Entwicklung, die dort schon in den 70er Jahren begonnen hat. Während in Deutschland das Auto Maß aller Verkehrsplanungen ist, steht in Amsterdam das Fahrrad im Mittelpunkt. Das schlägt sich zum Beispiel auch darin nieder, dass es dort einen Fahrradbürgermeister gibt. Das Konzept zeigt Wirkung. Seit 1990 hat sich der Anteil der Wege, die im Auto zurückgelegt werden, fast auf 24 Prozent halbiert.


Bis vor kurzem waren die Ufer der Seine in Paris noch dicht befahren. Inzwischen haben die Stadtbewohner:innen das Ufer wieder zurückerobert - und wissen es zu genießen.

Wien

Die Hauptstadt an der Donau machte verkehrspolitisch vor allem durch das 365-Euro-Ticket weltweit auf sich aufmerksam. Nachdem jahrelang – und auch immer noch – massiv in den Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs investiert wurde, bieten die Wiener Linien seit 2012 ein Jahresticket für den ÖPNV an, welches nur 1 Euro pro Tag kostet. Gleichzeitig versuchte die rot-grüne Stadtregierung mit verschiedenen Maßnahmen das Autofahren unattraktiver zu gestalten. Hunderte Parkplätze fallen in der ganzen Stadt weg, ein Wien-weites Parkticket wurde im März eingeführt.


Ein Vorbild für Berlin? Mit dem Lobautunnel sollte der letzte Teil des Autobahnrings um Wien geschlossen werden. Die Planungen fußen auf Ideen aus dem Jahre 1971. Die grüne Umwelt- und Verkehrsministerin Leonore Gewessler hat dem Bauprojekt jetzt aber den Stecker gezogen. Die Trasse würde massiv zur Zersiedelung beitragen, Fläche verschlingen und die Autodominanz zementiert. Nicht mehr zeitgemäß befand die Ministerin. Zeiten wandeln sich.


Oslo

Auch Oslo hat eine Citymaut für Autos eingeführt, die es in sich hat. Zusätzlich geht die Stadt drastisch gegen parkende Pkws vor. Unter der Woche dürfen Autos maximal zwei Stunden an einer Stelle parken. Viele hunderte Parkplätze in der Innenstadt wurden ersatzlos gestrichen. Und siehe da: Die Maßnahmen wirken. Die Bewohner:innen Oslos nutzen vermehrt den ÖPNV, der weiterhin ausgebaut wird. Auch die Zahl der Menschen, die sich zu Fuß fortbewegen, hat sich erhöht. Und einmal mehr zeigt sich: Nicht Autofahrende lassen Geld in den Geschäften der Innenstadt – Fußgänger sind es, die beim entspannten Flanieren die Händler:innen unterstützen.


Madrid

Auch in Madrid wurden Autos öffentlichkeitswirksam aus dem Stadtbild verbannt. Die autofreien sogenannten „Superblocks“ machen weltweit Furore und sorgen auch in Deutschland mit den Kiezblocks für Nachahmer:innen. Die linksalternative Bürgermeisterin Manuela Carmena führte 2018 „Madrid Central“ ein. Demnach durften nur Anwohnende in die 472 Hektar große Umweltzone fahren – oder bestimmte Autos, wenn sie ins Parkhaus gingen. Die Folgen? Die Stickoxidbelastung in Madrid ging um 20 Prozent zurück.


Allerdings verlor Carmena den Wahlkampf. Unter der konservativen Nachfolgerin wurde diese Maßnahme sofort rückgängig gemacht. Weiterer Verlauf? Ungewiss.