Die A100 wird für mehr Stau sorgen. Wir erklären warum.

Aktualisiert: 22. Apr.


Pariser Verkehr in der Abendsonne
Viele Autospuren sorgen auch für mehr Autos.

Auf den ersten Blick klingt es logisch: Wenn wir neue Autobahnen oder Straßen bauen, wird der Autoverkehr auf den bisherigen Straßen entlastet. Die eigenen Erfahrungen, Jahrzehnte an Forschung und der ADAC Stauatlas zeigen allerdings: diese vermeintlich logische Argumentation erweist sich als zu kurzsichtig.


Während wir Jahr für Jahr mehr Autobahnen und Umgehungsstraßen bauen, hat sich die Staulänge in den letzten 20 Jahren mehr als vervierfacht. 2002 standen Autos in Deutschland laut ADAC auf einer Strecke von 321.000 km im Stau. Im Vor-Corona-Jahr hatte sich diese Zahl auf 1,4 Millionen Kilometer erhöht. Im gleichen Zeitraum wuchs das Autobahnnetz um 12 Prozent auf heute 13.192 km. Obwohl wir also fast 12 Prozent Wachstum an Autobahnen hatten, hat sich die Staulänge um ein Vielfaches erhöht.



Mehr Straßen bedeuten mehr Verkehr

Das Zauberwort heißt „induzierter Verkehr“, oftmals auch umschrieben mit den Worten „Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten“. Dieses Phänomen ist inzwischen in unzähligen Studien auf der ganzen Welt wieder und wieder beobachtet worden und verläuft immer ähnlich. Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2020 hat sich mit dem Stau in Metropolregionen beschäftigt und beschreibt drei Schritte:

  1. Eine neue Autobahn wird gebaut oder erweitert. Daraufhin folgt in der ersten Zeit ein wirklicher Reisezeitgewinn. Menschen kommen mit einer höheren Geschwindigkeit und geringerem Zeitaufwand von A nach B. Es trifft also genau das ein, was wir vom Bau von Straßen auch erwarten.

  2. Im nächsten Schritt gibt es aber schon eine Art „Rebound“-Effekt. Die verbesserte Reisezeit sorgt dafür, dass Menschen, die bisher kein Auto fuhren, auf einmal aufs Auto umsteigen. Alle Menschen haben nur ein bestimmtes Zeit-Budget am Tag, das sie für Mobilität aufwenden wollen. Wird die Reise-Geschwindigkeit erhöht, erhöht das wiederum die Entfernung, die in diesem Zeit-Budget zurückgelegt werden kann. Das Ergebnis? Menschen fahren längere Wege im Auto. Durch die vermeintlich bessere Anbindung ziehen Menschen auf einmal raus der Stadt und pendeln dann ins urbane Zentrum.

  3. Eine weitere Studie aus den USA hat gezeigt, dass die Effekte eines Autobahn-Ausbaus nach zwei bis fünf Jahren vollständig verpuffen. Schlimmer noch: Dadurch, dass Menschen ins Umland von Berlin gezogen sind und sich die zurückgelegten Strecken in den Städten erhöht haben, gibt es in den Metropolen sogar mehr Verkehr als vorher.


Im Endeffekt sind wir also mit einem Ausbau der Autobahn genau da, wo wir vorher auch waren. Allerdings um Milliarden Euro ärmer – und mit wesentlich mehr Umweltschäden, städtebaulich gravierenden Eingriffen und einem Verlust an Lebensqualität durch Lärm und Schmutz.


Was bedeutet das für den A100 Ausbau in Berlin?


Durch den 17. Bauabschnitt erhoffen sich die Befürworter:innen verkürzte Reisezeiten und eine bessere Anbindung des östlichen Umlands in die Innenstadt. Wenden wir die Erkenntnisse aus Jahrzehnten der Verkehrsforschung an, lässt sich zumindest ein Blick in die Zukunft wagen.


Auch in Berlin würden im ersten Schritt Reisezeitverkürzungen eintreten. Zum Beispiel die Skalitzer Straße würde wahrscheinlich vom Autobahn-Bau profitieren, da sich der Verkehr auf die A100 verlagert. Ebenso würde die (abgerissene und für die A100 wieder aufgebaute) Elsenbrücke entlastet. Tesla-Mitarbeitende würden einfacher aus dem Nord-Osten der Stadt zum Werk kommen.

Im zweiten Schritt würde auch in Berlin das verstärkt, was in allen anderen Städten der Welt auftritt: Autos funktionieren in Berlin nur halbwegs, da der ÖPNV das Rückgrat der Mobilität bewältigt. Durch die Autobahn würden Menschen aus Bequemlichkeit aus den Bahnen in die Autos steigen. Das hat eine aktuelle Umfrage des Tagesspiegels eindrucksvoll ergeben.

Der Wohndruck in Berlin ist jetzt schon immens. Mehr Leute würden die vermeintlich verbesserte Anbindung also nutzen, um ins Umland zu ziehen. Und zack. Haben wir auch in Berlin eine schlimmere Autosituation als vorher.


Hier lohnt sich auch ein Blick in den Westen der Stadt: Dort gibt es bereits seit den 70er Jahren eine Stadt-Autobahn. Ein regelmäßiger Blick auf die TomTom-Verkehrsdaten zeigt, dass dort allerdings genauso ein Autochaos herrscht, wie auch ansonsten in der Stadt. Auch auf den Achsen Kurfürstendamm, Bismarckstraße, Kantstraße herrscht jeden Tag CO₂-Party und Hupkonzert.


Warum also sollten wir wertvolle Fläche an Autos verschenken, wo wir doch Wohnungen bauen könnten. Warum sollten wir mindestens zwei Milliarden Euro für vier (!) Kilometer Autobahn in den Sand setzen, wo doch hunderte Brücken in Berlin marode sind? Warum sollten wir den Menschen noch mehr Autoverkehr zumuten, wo doch klar ist, welche immense Kosten für die Allgemeinheit der Autoverkehr nach sich zieht? Die Datenlage ist klar.


Die Studien und Links in der Übersicht: